Hochsensibilität

Ein paar einführende Worte...

Hochsensibilität wird in unserer Gesellschaft häufig gleichgesetzt mit Dünnhäutigkeit, psychischer Instabilität oder einer zarten Besaitung und definiert Hochsensibilität damit eher negativ; als Schwäche. Aus Sicht der psychologischen Wissenschaften bedeutet Hochsensibilität aber erst einmal "nur", dass eine Person sehr wahrnehmend ist: (Hoch)Sensible nehmen Geräusche, Gerüche oder Empfindungen intensiver wahr, haben ein Gespür für Harmonie und Disharmonie und zeichnen sich durch ein komplexes Innenleben aus.

Close Up von Blatt

Was ist Hochsensibilität?

Was man unter Hochsensibilität versteht

Unter Hochsensibilität wird ein hohes Maß an Wahrnehmungsfähigkeit verstanden: (hoch)sensible Menschen können alle möglichen subtilen Botschaften von außen und innen wahrnehmen. Sie haben also feine Sinne – einen Feinsinn. (Hoch)Sensible sind somit sehr wahrnehmend gegenüber Geräuschen, Gerüchen oder Empfindungen, haben ein Gespür für Harmonie und Disharmonie und zeichnen sich durch ein komplexes Innenleben aus.

Wenn Hochsensibilität ein hohes Maß an Wahrnehmung bedeutet, dann ist das ein neutraler Wesenszug. Grundsätzlich ist (Hoch)Sensibilität also weder gut noch schlecht; in Abhängigkeit vom Kontext kann sie sich jedoch gut oder schlecht auswirken. Deswegen ist es wichtig, dass sich (Hoch)Sensible über ihre Eigenschaft bewusst werden und sie einsetzen, wenn sie gebraucht wird, sich aber auch zurückziehen, wenn „alles zu viel“ wird.

Eine hohe Wahrnehmungsfähigkeit bedeutet nicht, besonders scharfe Augen oder ein gutes Gehör zu haben – die Informationsverarbeitung im Gehirn verläuft gründlicher. (Hoch)Sensible haben ein Nervensystem, das dafür ausgelegt ist, in der Umgebung feine Nuancen zu bemerken. In vielen Situationen kann das von Vorteil sein; evolutionstheoretisch war dies sogar von entscheidender Bedeutung für das Überleben eines Stammes (bspw. das frühe Erkennen eines Brandes). Ein genetischer Fehler ist es also nicht und kann es auch gar nicht sein, wenn 15 bis 20 Prozent der Menschen ein hochsensibles Nervensystem haben (spannenderweise gibt es genauso viele Männer wie Frauen mit hochsensiblem Nervensystem; (hoch)sensible Männer haben es in unserer Kultur jedoch noch einmal deutlich schwerer).

Ein sensibles Nervensystem zu haben ist wundervoll: gute Differenzierungsfähigkeiten, eine ausgeprägte Intuition, schöpferische Kreativität, Feinheiten erkennen und trotzdem das „große Ganze“ sehen können...; die Vorzüge sind zahlreich. Es bedeutet aber auch, ab einem bestimmten Level zwangsläufig reizüberflutet zu sein – genau an diesem Punkt entstehen für (hoch)sensible Menschen dann Probleme, wenn sie sich nicht schützen. Und häufig scheitert das bereits daran, dass viele (Hoch)Sensible gar nicht wissen, dass sie (hoch)sensibel sind.

Häufig wird Hochsensibilität gleichgesetzt mit Schüchternheit oder Introvertiertheit. Tatsächlich sind jedoch rund 30 Prozent (also fast ein Drittel) der Hochsensiblen extrovertiert. Forschungen haben ergeben, dass (hoch)sensible intuitiver, bewusster und gewissenhafter sind – unabhängig davon, ob sie nun intro- oder extrovertiert sind. Sie können in der Regel gut mit Kindern, Tieren und Pflanzen umgehen und haben oft einen guten Zugriff auf ihre Träume. (Hoch)Sensiblen liegt viel an sozialer Gerechtigkeit; viele besitzen eine spirituelle Gabe oder ein philosophisches Talent. Aufgrund solcher Eigenschaften sind viele (Hoch)Sensible auch äußerst erfolgreich. Dennoch verschleiern einige – womöglich unbewusst – Teile ihre Persönlichkeit, um nicht merkwürdig, komisch oder „unnormal“ zu scheinen; oder tun dies nicht und fühlen sich dann merkwürdig, komisch oder „unnormal“. 

 
 

Bin ich hochsensibel?

Wesenszüge hochsensibler Menschen

Wie nimmst Du Deine Welt wahr? Beeinträchtigen Lärm, Gerüche oder Licht Dein Wohlbefinden? Fühlst Du Dich schnell überfordert, überreizt oder gestresst? Oder nimmst Du Dinge wahr, die andere Menschen nicht wahrnehmen, kannst Dich auf Deine Intuition verlassen, aber fühlst Dich damit manchmal komisch, anders, fremd? Wenn Du diese Fragen mit „Ja“ beantworten kannst, dann bist Du wahrscheinlich sehr wahrnehmend – hochsensibel.

Sensible und hochsensible Menschen stoßen im Alltag immer wieder auf Schwierigkeiten: ein erhöhtes Ausmaß an Stress und Überforderung, was sich gerade in persönlichen oder gesellschaftlichen Krisen in Ängsten, Unsicherheiten, Depressionen usw. äußern kann. Deswegen benötigen (Hoch)sensible Menschen im Coaching und der Therapie einen anderen, erweiterten Zugang.

Um herauszufinden, ob eine Person hochsensibel ist oder nicht, gibt es unterschiedliche diagnostische Ansätze. Die Psychologin und Pionierin für Hochsensibilität, Dr. Elaine Aron, entwickelte einen Fragebogen, mit Hilfe dessen eine erste Einschätzung möglich ist. 

Hier geht es zum Selbsttest "Bin ich hochsensibel?" (PDF)

Bitte beachte bei der Durchführung und der Ergebnisauswertung, dass dieser Fragebogen kein ausführliches Gespräch mit geschultem Fachpersonal (PsycholgInnen, PsychotherapeutInnen, ÄrztInnen, HeilpraktikerInnen u. a.) ersetzen kann. Das Ergebnis des Fragebogens gilt als eine erste Orientierung und gegebenenfalls als erster Ausgangspunkt, um sich tiefer mit Hochsensibilität auseinanderzusetzen.

Die Wesenszüge von hochsensiblen Menschen sind sehr vielfältig und erstrecken sich über:

  • Intensive und vielschichtige Fantasie

  • Komplexe Gedankengänge und Tagträume

  • Starke innere Wahrnehmung

  • Intensives Erleben und Erfahren von Kunst und Musik

  • Detaillierte Wahrnehmung der Umwelt

  • Probleme beim Umgang mit Stress und Leistungsdruck

  • Hohe Begeisterungsfähigkeit

  • Hohe Eigenverantwortung und Wunsch nach Unabhängigkeit

  • Gutes Einfühlungsvermögen und hohe Empathie

  • Ausgeprägter Gerechtigkeitssinn

  • Detaillierte Selbstreflexion und langer emotionaler Nachklang des Erlebten

  • Schwierigkeiten mit starren Strukturen

  • Tendenz zum Perfektionismus

  • Harmoniebedürfnis

  • Starke Beeinflussbarkeit durch die Stimmung anderer Menschen

  • ...

Eine Person ist aber nicht erst hochsensibel, wenn jedes dieser Merkmale ausgeprägt ist. Auch hier zeigt sich eine Diagnostik sehr individuell: auf manche hochsensible Menschen treffen sehr viele dieser Merkmale zu; auf manche nur wenige, dafür umso stärker.

Letztendlich geben all diese Tests nur eine Orientierung: Weder ein psychologischer Test noch ein Merkmalsabgleich sind so genau, dass man mit Sicherheit behaupten kann, dass eine Person hochsensibel ist.

 

Hochsensibilität in der Psychologie

Hochsensibilität mit psychologisch-wissenschaftlichem Blick

Auch wenn Hochsensibilität in unserer Gesellschaft häufig mit Dünnhäutigkeit, psychischer Instabilität oder einer zarten Besaitung gleichgesetzt wird, bedeutet Hochsensibilität aus Sicht der psychologischen Wissenschaft erst einmal "nur", dass eine Person auf dem Merkmal Sensibilität stark vom Durchschnitt abweicht - und zwar mit einer Abweichung nach oben.

Bei Hochintelligenten oder Hochbegabten ist das der gleiche Fall:

Kognitive Intelligenz wird wissenschaftlich über Intelligenztests gemessen, die den Intelligenzquotient oder IQ eines Menschen bestimmen. Der durchschnittliche IQ liegt in Deutschland oder in westlichen Ländern bei 100 IQ-Punkten. Hochintelligente Menschen haben einen IQ von mindestens 120 Punkten und weichen damit stark vom durchschnittlichen IQ ab - sie liegen über dem Durchschnitt. Man nennt sie dann "hochbegabt". 

Beim Merkmal Sensibilität ist es das gleiche:

Hochsensible weichen auf dem Merkmal Sensibilität vom Durchschnitt ab; und zwar nach oben. Sie liegen über dem Durchschnitt (Da würde Ich ja behaupten: Das ist etwas Tolles!). Die Schwierigkeit beim Merkmal Sensibilität liegt eher darin, dass die bisher entwickelten Tests nicht in Zahlen ausdrücken lassen, mit welcher "Hochsensibilitäts-Punktzahl" ein Mensch hochsensibel ist. Mit wie vielen Punkten ist man denn hochsensibel? Und welcher Punktunterschied liegt zwischen einer durchschnittlich sensiblen Person und einer hochsensiblen? Beim Merkmal Kognitive Intelligenz lässt sich das ausrechnen, beim Merkmal Sensibilität - oder sensible, wahrnehmende Intelligenz - nicht.

Zudem kommt beim Merkmal Sensibilität erschwerend hinzu, dass das Merkmal Sensibilität ein sehr komplexes Merkmal ist. Hochsensible nehmen nicht nur grobstoffliche Dinge im "Außen" wahr, sondern auch Stimmungen, Schwingungen und Energien. Und diese lassen sicher bisher wissenschaftlich nur schwer messen (es gibt jedoch erste methodische Ansätze). Dadurch stellt sich die Frage danach, wie zuverlässig ein Fragebogen denn wirklich die Hochsensibilität einer Person abbilden kann, beim Merkmal Sensibilität noch viel mehr als bei anderen Merkmalen (wie bspw. der kognitiven Intelligenz). Subtil-energetische Tests existieren bereits und müssten - aus meiner Sicht - für eine entsprechende Diagnostik ergänzend hinzugezogen werden. 

Close Up von Blatt

Caching und Therapie für Hochsensible

Was (Hoch)Sensible im Coaching und der Therapie brauchen

Nach Dr. Elaine Aron, der Pionierin der Hochsensibilitätsforschung, benötigen (Hoch)Sensible eine spezielle Vorgehensweise im Coaching und der Therapie. 

Wenn sich (Hoch)Sensible mit der eigenen (Hoch)Sensibilität vertraut machen möchten, werden im Coaching und der Therapie folgende Schritte durchlaufen:

  1. Selbsterkenntnis

    • (Hoch)Sensible werden dabei unterstützt zu begreifen, was es bedeutet, (hoch)sensibel zu sein: Wie äußert sich meine ganz individuelle Form der (Hoch)Sensibilität? Wie interagiert meine (Hoch)Sensibilität mit weiteren Persönlichkeitsmerkmalen von mir? Wie erkenne ich die Signale meines Körpers – und ignoriere sie nicht weiterhin, weil er anscheinend "zu schwach" oder "zu dünnhäutig" ist?

  2.  Neubewertung​

    • (Hoch)Sensible sind (hoch)sensibel geboren worden. Erlebnisse und Erfahrungen der Vergangenheit müssen deswegen – aus genau diesem Licht – neu interpretiert, neu bewertet werden. Viele "Misserfolge", Probleme, überfordernde oder traumatisierende Ereignisse, welche auch im Hier und Jetzt immer noch bestehen können, sind schlichtweg unvermeidbar, wenn (Hoch)Sensible in einer dauerhaften Überreizung leben. ​

  3. Heilung​

    • Da (Hoch)Sensible (hoch)sensibel geboren wurden, hatten bzw. haben viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Laufe ihres Lebens Familien- oder Beziehungsprobleme, Schulschwierigkeiten, soziale Probleme oder Krankheiten. Viele (Hoch)Sensible schrecken deswegen auch vor innerer Arbeit zurück [wenn es Dir also auch so ergeht ... das ist normal :)], weil sie ahnen, dass intensive Gefühle dabei geweckt werden könnten. Ein einfühlsames und behutsames Vorgehen im Coaching und der Therapie kann deswegen oftmals sinnvoll sein. Mittlerweile gibt es glücklicherweise aber auch therapeutische Ansätze (bspw. aus der Systemischen Therapie sowie der Prozess- und Embodimentfokussierten Psychologie), welche ein zügiges oder verdecktes Arbeiten erlauben, bei dem schneller an der Lösung gearbeitet werden kann, ohne dass alle tiefen Gefühle erneut "durchlitten" werden müssen. 

  4. Selbsthilfe​

    • (Hoch)Sensible werden dabei begleitet, die Zeichen ihrer Psyche und ihres Körper wahrzunehmen und sich in der Welt so zu platzieren, dass sie sich wohlfühlen. (Hoch)Sensible werden in unserer Gesellschaft wirklich gebraucht! – aber vorher muss jede (hoch)sensible Person die Fähigkeit erlernen, eine Balance zwischen "zu viel" und "zu wenig" zu finden. ​